SZ geht einen Schritt in Richtung Wochenzeitung

Die Süddeutsche Zeitung sorgt vor: Seit Samstag erscheint die SZ in einer neuen Wochenend-Ausgabe. Dabei betont ihr Chefredakteur, dass das Blatt zwar eine Tageszeitung bleibe – sich aber durch mehr Hintergrundinformationen, größere Bilder und opulentere Grafiken die Merkmale einer Wochenzeitung wie der Zeit zunutze macht.

Eine durchdachte Strategie. Und eine Art Sicherheitsnetz. Der Leser gewöhnt sich im Idealfall an die Neuausrichtung. Und in Zeiten sinkender Auflagen könnte im schlimmsten Falle die tägliche Erscheinung adäquat durch den wöchentlichen Turnus ersetzt werden.

Allerdings überzeugt die neue Gestaltung nicht durchgehend. Warum müssen neue Seiten nur so häufig Fach-Begriffe aus der Presse-Branche darstellen? In diesem Falle nennt die SZ ihr gefühltes Dossier einfach Buch Zwei. Anders als die Bezeichnung überzeugt der Inhalt. Eine profunde Analyse über den Islamismus in Deutschland.

Eine Schwäche, die aber auch Geschmackssache sein kann, stellt die Optik dar. In der Rubrik Wissen etwa steht eine künstlerische Zeichnung eines Gehirns. (Zu) Oft setzt die Süddeutsche auf künstlerische Malereien, um Themen optisch zu begleiten. Das war aber schon früher so.

Alles in allem würde vielen die Neuausrichtung vermutlich nicht auffallen, wenn sie nicht vorne beschrieben und im Vorfeld eifrig beworben wurde. Aber darin kann ja auch eine Stärke liegen. In jedem Fall hat die SZ nun vorgesorgt, falls später eine Wochenzeitung entstehen müsste. Wir wollen es nicht hoffen.

ARD-Film und anschließende Doku überzeugen

Schwieriges Thema, spannende Umsetzung: Am Mittwochabend lief in der ARD ein Film zum Thema Sexualstraftäter. Der Bruder eines erfolgreichen Geschäftsmanns wird nach vielen Jahren im Knast freigelassen. Und zieht wieder beim Bruder ein – da ihm die Hälfte des Hauses vom inzwischen verstorbenen Vater gehört. Der will ihn aber loswerden, verheimlicht gegenüber seiner Verlobten zunächst die kriminelle Vergangenheit seines Bruders. Doch die kommt dahinter. Zudem verbreitet ein Kollege im Ort, dass der Vergewaltiger wieder auf freiem Fuß ist. Schnell beginnt eine Hatz, die in einer falschen Beschuldigung des erneuten Missbrauchs mündet.

Ein spannender Film über den Umgang mit entlassenen Sexualstraftätern, fortgesetzt von einer interessanten Dokumentation über ehemalige und aktuelle Insassen – sowie deren Leben inner- und außerhalb der Zellen. Gelungene Umsetzung eines Themas, das jeder bei persönlicher Betroffenheit sicher anders bewertet.

EM-Quali-Spiele bei RTL: Es kam, wie es kommen musste

Zugegeben: Seitdem bekannt wurde, dass RTL künftig die EM-Qualifikations-Spiele übertragen wurde, war es opportun, gegen den Kölner Sender zu sticheln. Leider bestätigte das Angebot aber die Befürchtungen. Einzig Marco Hagemann überzeugte – und Jens Lehmann.

Fangen wir von vorne an: Die erste Schalte ging vors Stadion. Dort mischte sich Florian König unters Fanvolk. Nachdem man im Vorfeld ankündigte, sich aufs Wesentliche, nämlich den Fußball, zu konzentrieren, war man guten Mutes: Doch gleich die erste Frage von König ging an einen Wirt im Bierwagen: „Wer trinkt mehr: Die Schotten oder die Deutschen?“ Einstieg versemmelt.

Danach folgte immerhin eine nette halbstündige Reportage über Fußball-Deutschland nach dem WM-Triumph. Im Anschluss daran meldete sich König wieder inmitten grölender Fans, neben ihm Jens Lehmann. Dessen Gesicht ließ erkennen, dass er sich nicht wirklich wohl fühlte. Und ging es nun ums Fachliche? Naja, nach ersten kompetenten Einordnungen Lehmanns konzentrierte sich König auf die Anmoderation von ersten Beiträgen – zum Thema Social Media. Danach tauchte König im Stadion auf, mit dem Schiri-Rasierschaum. Wahnsinn.

Das Spiel: Wunderbar kommentiert von Marco Hagemann. Gewohnt souverän, ohne übermotivierte Zuspitzungen. Klasse. Danach übernahm (leider) wieder König – und durfte den Bundestrainer begrüßen. Sogar der Weg ins TV-Studio wurde gezeigt. Mitten im Interview dann eine Werbeunterbrechung, von denen es überhaupt zu viele gab. Zwölf wurden im Vorfeld angekündigt. Jogi Löw antwortete professionell. Erstaunlicherweise drehten sich die Fragen so gut wie gar nicht ums Spiel, sondern eher um die Pfiffe wenige Tage vorher gegen Gomez und die künftige Kadergestaltung.

Später gesellte sich der stets mit RTL verbundene Lukas Podolski dazu. Die Zusammenfassung der anderen Spiele war solide gelöst worden. Nichts auszusetzen. Auch eigene O-Töne (etwa von Lewandowski) fehlten nicht.

Dennoch war man froh, dass es kurz vor Mitternacht vorbei war.

Der „Spiegel“ sucht sein Heil im Service-Bereich

Wer den neuen „Spiegel“-Titel erblickt, fühlt sich unweigerlich an den „Focus“ erinnert: Die Münchner versuchen schon länger (mal mehr, mal weniger erfolgreich), mit Servicethemen am Kiosk zu punkten. Nun machen es ihnen die Hamburger nach.

Dabei gibt es derzeit (so) viel wichtigere Themen, die sich – im zynischen Widerspruch zum Ttitelthema „Entschleunigung“ – immer mehr beschleunigen: Die Irak- und Gaza-Krise beispielsweise. Der Russland-/Ukraine-Konflikt schafft es immerhin noch klein, als sogenannter Störer, auf die Seite 1.

Vielleicht wird derzeit einfach zu viel Energie auf die internen Querelen im „Spiegel“-Haus vergeudet. Das könnt ihr jedenfalls besser!

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Endlich mal wieder: Großes Kino im Fernsehen

Es gab endlich mal wieder die Qual der Wahl im Fernsehen: Zur besten Sendezeit begeisterten gleich drei Formate. Zur Primetime startete VOX die zweite Runde von „König der Löwen“. Kurzweilig, unterhaltend, unverbraucht.

Mittendrin startete um 21 Uhr im ZDF die zurecht gelobte Dokumentation „Die große Samwer-Show“ über die so genannten „Zalando-Boys“. Hervorragend recherchiert, informativ, kritisch.

Und Arte begann, leider parallel, um 21.30 Uhr seinen Doku-Film „Journalismus von morgen“. Spannend, visionär, ein wenig nostalgisch – und sehr sehenswert! Es fiel nach langer Zeit also tatsächlich mal wieder schwer, mit der Fernbedienung auf einem Programm zu bleiben. Großes Kino im Fernsehen. Endlich!

WamS berichtet über „Spiegel“-Diskussionen im Politik-Teil

Zugegeben: Die Diskussionen um den neuen Spiegel-Chef erreichen langsam ungeahnte Eskalationsstufen. Sie deswegen aber im Politik-Ressort zu thematisieren, ist dennoch nicht angebracht.

Genau hier berichtete die Welt am Sonntag über die Streitereien im Hamburger Verlag (Seite 7). Sicher nicht ohne Häme, da der bisherige Springer-Mann Blome künftig zum Nachrichtenmagazin wechseln wird.

Der Artikel in der WamS  

BILD-Zeitung hilft Kooperationspartner im redaktionellen Teil

Der Artikel sieht aus wie ein bunter Bericht vom Set des nächsten Schweiger-Films. Tatsächlich aber dreht Til Schweiger hier einen Spot für ein Online-Filmportal. Und dieses Unternehmen hat passenderweise eine Kooperation unter anderem mit der BILD-Zeitung.

Ganz uneigennützig dürfte die Zeitung also nicht über Til Schweigers Dreh berichtet haben. Im Gegenteil: Das Springer-Blatt versucht – ganz subtil – im redaktionellen Teil ein wenig die Nachfrage anzukurbeln, nennt praktischerweise den Preis und zitiert Schweiger mit der Prognose, dass dem Flatrate-Abo-Fernsehen die Zukunft gehöre.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

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Was hat ein Kater bloß in einer Nachrichtensendung zu suchen?

Mit Nachrichten hat die Newstime-Sendung auf Pro 7 häufig nur am Rande zu tun. Aber diese Meldung hätte es im Normalfall vermutlich nicht einmal in eine Boulevard-Sendung geschafft. Da berichtet eine süffisant klingende Reporterin von einem Kater, der nachts auf Diebestour geht. Peinlich. Zumal die Geschichte nicht einmal mehr aktuell war. Bereits vergangene Woche berichtete die Augsburger Allgemeine über den trickreichen Kater.

Es gibt kein einfaches ’sehr‘ mehr…

Wer künftig weiter gerne Interviews im Fernsehen hören möchte, sollte sich die nächsten Zeilen lieber nicht durchlesen. Denn egal ob Sportler, Politiker oder Schauspieler: Sie alle wollen ihren Aussagen gern Nachdruck verleihen. Das lässt sich relativ einfach erreichen: Man setzt dem Gesagten einfach ein “sehr” hinzu: “Wir haben sehr gut gespielt” (der Fußballer), “Wir haben einen sehr erfolgreichen Wahlkampf geführt” (der Politiker), “Wir haben ein sehr anspruchsvolles Drehbuch lernen müssen” (der Schauspieler). Das wäre eigentlich Steigerung genug.

Doch wer viele Interviews sieht (und vor allem, wer sie hört), kommt um eine Feststellung nicht herum: Es gibt kein einfaches “sehr” mehr! Nein, heute muss alles durch mindestens ein weiteres “sehr” getoppt werden: Wir haben sehr, sehr gut gespielt. Wir haben einen sehr, sehr erfolgreichen Wahlkampf geführt. Wir haben ein sehr, sehr anspruchsvolles Drehbuch lernen müssen. Schrecklich.

Vielleicht potenziert sich die “Sehr-isierung” auch nur, weil das Gehör inzwischen auf das doppelte “sehr” empfindlich reagiert. Aber möglicherweise erinnert sich künftig der ein oder andere an die weise Empfehlung: Weniger ist mehr. Zudem ein ständig erweiterter und gebräuchlicher Superlativ vieles andere relativiert. Übrigens kündigt sich schon ein Synchronpartner an: Auch das Wort “ganz” fällt immer häufiger doppelt…

„Die Zeit“ zum Suhrkamp-Streit: Ein Musterbeispiel für guten Journalismus

Kompliment für diesen Artikel! Diese vier Worte reichen eigentlich als Wertschätzung für das klasse Lesestück „Der siebenjährige Krieg“ zum Suhrkamp-Verlag und dessen Krise. Ein hervorragendes Beispiel für guten Journalismus. Und gleichzeitig ein weiterer Beleg dafür, warum es ohne Journalisten, die ihr Fachwerk gelernt haben, nicht geht. Kein Leserreporter, kein Twitterer, kein Bürgerforum hätte eine solch treffende Analyse abgeben können.

Auf einer Doppelseite, die bei der Zeit ja nicht klein ausfallen, dröseln die drei Autoren Bodo Mrozek, Thomas E. Schmidt und Adam Soboczynski hervorragend die Details der durchaus verschachtelten und häufig nur schwer durchschaubaren Situation auf. Schön häufig konnte man sich dabei erwischen, dass das Thema zwar interessant anfing, aber durch die unterschiedlichen Standpunkte und Hintergründe nicht wirklich zu überblicken war. Nach dem Lesen wird einem vieles in einem klaren Licht erscheinen.

Daher noch einmal – auch als Klammer für diesen Artikel: Kompliment für diesen Artikel!